Diese Herausforderung habe ich kurz darauf selbst gespürt, als ich kurz nach dem Erhalt meine „grauen Lappens“ meine Eltern in meiner ersten Langstrecken Überlandfahrt selbst in einem Stück diese Strecke in einem 180 Diesel fahren durfte – und am Abend vollständig „platt“ war.
Nach Aufenthalten in den USA, wo ich auch eine Pagode an der Westküste mein Eigen nennen durfte, war ich auch mit den Gepflogenheiten der klassischen Auto-Szene gut vertraut. Dazu gehören auch Fahrzeuge des Herstellers Packard. Packard war die Nobelmarke der 30er Jahre und während des 2.Weltkrieges Lizenz-Hersteller der Rolls-Royce Merlin Motoren mit denen Mustang Jagdflugzeuge und Schnellboote der US Streitkräfte ausgerüstet wurden. So ist es auch nicht verwunderlich, daß Packard unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg auch den Vertrieb von Mercedes in den USA übernahm, bevor MB eine eigenen Vertriebsorganisation wieder aufbauen konnte.
So war ich mit der Zeitschrift „Hemmings“ vertraut, die vor der Werbung über das Internet die „Bibel“ der Liebhaber klassischer und antiker Fahrzeuge in den USA genannt wurde.
Anfang März 2018 wurde nun über „Hemmings“ ein 190 SL bei einem Händler in Van Nuys, CA. USA angeboten. Die Bilder zeigten einen etwas in die Jahre gekommenen „müden“ Wagen. Der Verkäufer handelte fast ausschließlich mit den Marken Rolls-Royce und Bentley und hatte vermutlich diesen Wagen „als Beifang“ mit in sein Angebot aufgenommen. Nach einer vor Ort Besichtigung durch einen Freund und ausgewiesenen Restaurationsexperten (Tired Iron Works in Monrovia, CA) wurde der Kauf Ende März getätigt und der Wagen im Container auf den Weg nach Europa geschickt. Ende Juni 2018 war der Wagen dann auf meinem Anhänger auf dem Weg nach Hannover.
Leider waren alle Bemühungen mit dem letzten Besitzer in Kontakt zu treten direkt wie auch indirekt über „Buds Benz“ von denen ich Ersatzteilkataloge fand, vergeblich. Auch Nachfragen bei der KFZ-Registrierungsbehörde in Pennsylvania waren bisher erfolglos. So stieß ich bei der Recherche im Internet auf eine Auktion des Hauses Bonhams im März 2017 in der dieser Wagen angeboten worden war.
Bei der traditionsreichen Auktion von Bonhams auf Amelia Island in Florida ist der Wagen dann auch verkauft worden. Von Bonhams wurde der Wagen seinerzeit als „gently patinated“ und „Entry Level SL“ beschrieben. Wer Bonhams Auktionen verfolgt, kann diese Bezeichnung für ein Fahrzeug im unteren Preisniveau der sonst dort verkauften Fahrzeuge gut nachvollziehen.
Das Mercedes Datenblatt, was auch hier vorliegt, zeigt, daß es sich um eine „Sonderausführung für US“ handelt mit einem Rückspiegel außen links, Stoßstangen-Hörner und Weißwandbereifung. Der Wagen hatte bei seiner Auslieferung rote Lederpolster (1079) und war mit einer weißen Lackierung (158) versehen. Interessanter ist jedoch die von Bonhams seinerzeit recherchierte Historie dieses Wagens. Ursprünglich nach Texas geliefert kam der Wagen nach 11 Jahren zu seinem Zweitbesitzer nach Pennsylvania, wo er für die folgenden 46 Jahre wohl nur in den wenigen regenfreien Tagen gefahren wurde. Aus dem Besitz des Zweitbesitzers wurde der Wagen dann in der Auktion 2017 bei Bonhams angeboten. Nach der Auktion durch Bonhams wurde der Wagen dann in die Region Los Angeles gebracht, und landete bei dem Verkäufer von dem ich den Wagen erworben habe.
Der Zweitbesitzer hat Mitte der 80er Jahre die sehr umfangreiche Restaurierung in Auftrag gegeben. Bei dieser wurde laut Bonhams der Wagen vollständig zerlegt und erhielt einen neuen Lackaufbau in Silber sowie eine vollständig neue Innenausstattung mit blauen Ledersitzen und Innenverkleidung, sowie passenden grau/blauen Boden und Rückraum Auskleidungen. Der Notsitz wurde ebenfalls mit blauem Leder neu bezogen. Wenige Jahre vor der Auktion ist das Stoffdach zusammen mit der Persenning erneuert worden. Bei diesem Neuaufbau Mitte der 80er Jahre wurde auch die Antenne auf dem rechten Kotflügel entfernt und das Loch geschlossen. Statt dessen fand sich die Antenne jetzt vorn hinter der Bugverzierung. Man kann nur über die Gründe dafür spekulieren – Vielleicht wurden Antennen auch zu dieser Zeit bei am Straßenrand stehenden Fahrzeugen abgebrochen.
So begann Mitte 2018 das erneute Zerlegen des Wagens in Hannover. Im Winter 2018 konnten dann kleine Ausbesserungsarbeiten im vorderen Bodenbereich von einer bekannten Fachwerkstatt durchgeführt werden, was den Wagen wieder mit einem makelfreien Blechaufbau und -kleid versah. Mehrfaches Trockeneisstrahlen sowie mechanische Behandlungen legten den „nackten“ Zustand des Wagens frei. Im Herbst 2019 nahm sich eine bekannte Lackierwerkstatt des Wagens an. Im Frühjahr 2020 konnten wir dann den in DB 180 glänzenden Wagen wieder in Empfang nehmen. In der Folge wurde auch der Unterboden wieder in DB 169 (Steingrau seidenmatt) lackiert.
Alle Chromteile wurden in der Folgezeit entweder neu verchromt (z.B. Stoßstangen, Radkappen, etc.) oder neu ersetzt (z.B. Bugverzierung, Kiemenleisten, Zierleisten, Scheinwerfer, etc.). Die Elektrik (Leuchten, Stromversorgung, Anlasser) überholt oder neu ersetzt, womit auch die Scheinwerfer jetzt in der deutschen Auslieferungsform ersetzt wurden.
Sicherheit ist immer vorrangig. Daher wurde die gesamte Hydraulik der Bremsanlage erneuert – die Bremskraftverstärker (T50) generalüberholt. Neue Bremsbacken und Radlager vorn, neue Handbremsseile und Austauschbremsbacken hinten. In Ermangelung einer Backenabdrehvorrichtung wurden die Bremstrommeln kurzzeitig aufgesetzt und das Tragprofil auf den Backen angeglichen. Lohn war eine gleichmäßige und kräftige Bremswirkung auf dem Prüfstand.
Die Innenflächen (Boden, Türinnenseiten) erhielten Dröhnschutz und mehrere Lagen Filzdämmung. Der Einbau einer neuen Windschutzscheibe hat einige Zeit und Geduld erfordert, aber mit einem kleinen Steineinschlag sollte die alte Scheibe doch nicht überleben.
Zu der Revision im Motorraum gehörten nicht nur ein vollständig restaurierter korrekter Zylinderkopf mit „bleifrei-Ringen“ und korrekter Nockenwelle, sondern auch einen neue korrekte Benzinpumpe, einen neue Zündanlage und die Wiederherstellung der Behr Heizungswärmetauscher. Der Luftfilter und der Ansaugluftsammler wurden ebenso neu eingebaut wie auch alle Schläuche, Gummidurchführungen in der Stirnwand. Die seinerzeit in den USA eingebauten Weber Vergaser wurden überholt und sind bei der Straßenzulassung mit eingepflegt. Ein gebrauchtes Paar originaler Solex-Vergaser wird derzeit überholt und bei Gelegenheit eingebaut.
Da die originale Farbgebung des Boden sowie die der jetzt mit Steinschlagschutz versehenen Radläufe weiterhin sichtbar bleiben sollte, wurde der Wagen von unten 3-fach mit dem transparenten Steinschlagschutz TimeMax bestrichen. Das hat zwar der seidenmatten Oberfläche unten wieder „neuen Glanz“ gegeben, was ich aber im Sinne der Werterhaltung wohl gern in Kauf nehmen kann. Der Blick unter den Wagen während der Erstellung des Gutachtens im Februar diesen Jahres zeigt das erfreuliche Ergebnis.
Ganz im Sinne der Werterhaltung bei möglichst naher Originalität sind auch exponierten Metallteile wie die Träger der Stoßstangen aber auch alle Felgen pulverbeschichtet worden.
Ich glaube, daß sich das Ergebnis der Arbeiten vom Herbst 2018 bis zum Sommer 2021 durchaus sehen lassen kann. Jetzt wirkt der Wagen nicht mehr „müde“ wie auf dem Bild von 2017/18
Jede Fahrt erlaubt das „Erfahren“ von immer noch möglichen Ungereimtheiten und zeigt Möglichkeiten der Nachjustierung.
Diese kurze Zusammenfassung darf natürlich nicht enden, ohne daß ich mich für die sorgende und tatkräftige Unterstützung bei dem Zusammenbau bei Friedhelm Burghardt bedanke. Wichtiges Datenmaterial wie auch zupackende Hilfe kam von ihm. Ebenso hat Frank Erbeck mit Bildmaterial und wichtigen Informationen zum Gelingen beigetragen. Aber diese waren es nicht nur allein – nein, auch die freundschaftliche Unterstützung anderer Mitglieder des Stammtisches Celle und des Vorstandes (Thomas) müssen hier erwähnt werden.
Wolfgang Eisert